Reisen & Speisen

Künstlerische und Kulinarische Entdeckungen an der Bahnstrecke
Berlin-Lausitz-Wrocław

Ein Projekt im Kulturland-Brandeburg-Jahr 2022 „Lebenskunst“

Speisen in Brandenburg ist auch immer mit Reisen verbunden und umgekehrt: Brandenburger Bauern liefern ihre Erzeugnisse in die Hauptstadt – früher mit dem Kahn oder der Bahn, heute mit dem Lieferwagen. Besucher nehmen vom Land kulinarische Produkte mit, während sie hier wandern, radeln oder paddeln. Was wäre Reisen ohne Speisen, also ohne Reiseproviant? Und wo ließe sich der Proviant besser genießen, teilen und verdauen als in der Bahn?

All das war in dem Projekt Reisen & Speisen zu erleben: an drei Aktionstagen, in drei Bahnhöfen, mit einem von 15 Künstlerinnen und Künstlern gestalteten Kochbuch sowie einer PreOpening-Fahrt mit dem Kulturzug Berlin-Breslau. Die Kochbuchseiten wurden ausgestellt – und zur Vernissage am 27. August fuhren wir von Cottbus über Lübbenau nach Halbe, um Kunst und Kulinarik zu erleben. Zurück ging es am 8. Oktober von Halbe über Lübbenau nach Cottbus. Und zwischendrin haben wir das essbare Dorf Raddusch besucht und Spreewälder Flammkuchen gebacken.

Das Kochbuch können Sie bei allen Partnern erwerben sowie hier:


RÜCKBLICKE

8. Oktober – Finissage

Ein schöner entspannter Tag begann mit einem Frühstück in der Esperanto-Stacio und der Finissage unserer Ausstellung Halali: Neben frischen Bio-Produkten aus der Gläsernen Molkerei Münchehofe gab es Kostproben der Rezepte aus unserem Kochbuch. Die Lesung einer alten Jagdgeschichte aus Kanada bot Möglichkeiten zur Reflexion über das Jagen, über unseren Umgang mit Tieren und unseren Ressourcen. Das wurde bei einem letzten Rundgang durch die Ausstellung und sehr netten Gesprächen vertieft.
Plinsen, Plinze oder mlince? Am Kulturzentrum Gleis 3 in Lübbenau aßen wir frische Hefeplinse, die Kinder lasen und malten in sorbischen Sagen-Heften. Anschließend tauchten wir zu Fuß in den Spreewald-Tourismus ab… Die Kunst im öffentlichen Raum, die in Lübbenau dank Spreewald-Atelier und Karikaturisten Open Air überall zu finden ist, inspirierte uns und wir dachten über ein nächstes Motto nach: „Laufen & …“ ???
Sorbische Maler – sorbische Kunst… Was ist das eigentlich? Wie definiert sich sorbische Identität? Diese Fragen stellten wir uns in der Kunsthalle Lausitz (der schönsten Wartehalle überhaupt…) am Ende der Finissage. Ein lohnendes Thema, das wir vielleicht bald vertiefen.
Nun ist der Zug abgefahren… Was bleibt, ist unser schönes Kochbuch, sind wunderbare Gespräche mit vielen Menschen, Einblicke in so große Themen wie die Jagd und die wichtige Erfahrung: Vernetzt und verwoben ist alles viel spannender…

24. September – Besuch
im essbaren Dorf Raddusch

Wenn das Elsass den Spreewald küsst… dann werden in Raddusch echte „Spreewälder Flammkuchen“ gebacken! So geschehen am vergangenen 24. September im Radduscher Lerngarten. Nach einer gemütlichen Kaffeepause und einem Spazierung durchs essbare Dorf begann für die Gäste einer kleiner Kochkurs mit Sol’jawo. Zunächst hieß das für alle fleißig Teig kneten, ganze 10 Minuten wollte der bearbeitet werden, bevor er „fensterfest“ wurde. Mit frischen Zutaten aus unserem Garten entstand dann in kurzer Zeit eine bunte Vielfalt an „Spreewälder Flammkuchen“, die mit viel Freude verspeist wurde. In dem wunderbaren Ambiente von Tinyhouse und Garten war es für alle eine wirklich genussvolle Veranstaltung!

Vernissage – 27. August:
So schön kann Warten
auf den Zug sein

Unterwegs von der Kunsthalle Lausitz im Großenhainer Bahnhof (Cottbus) über das Gleis 3 (Lübbenau) zum Esperanto-Bahnhof Halbe

Von Ingrid Hoberg

Gleise verbinden – durch die Züge, die auf den Schienen rollen. Aber auch durch gemeinsame Aktionen. Den besten Beweis hat es dafür an der Bahnstrecke von Cottbus nach Halbe gegeben. An dem Wochenende, an dem jedermann noch einmal mit dem 9-Euro-Ticket durch die Region rollen konnte, ist eine bunte Reisegesellschaft auf Tour gegangen.

Treffpunkt: Großenhainer Bahnhof – wo/was ist das? Hauptbahnhof! Na klar, Spreewaldbahnhof – ja! Damit können Cottbuser und Besucher der Stadt etwas anfangen. Aber Großenhainer?! Es wussten bis vor einiger Zeit wahrscheinlich nur Eisenbahn-Enthusiasten etwas damit anzufangen. Inzwischen ist der Ort ein Begriff bei Freunden der Bildenden Kunst. In dem Industriegebäude aus dem 19. Jahrhundert befindet sich die Kunsthalle Lausitz (zuvor Galerie Brandenburg).

Im einstigen Wartesaal versammelt sich eine illustre Reisegesellschaft. Der eine schaut sich gleich noch die aktuelle Ausstellung „Sorbische Künstler – Sorben in der Kunst“ an. Der andere fragt sich, was sich wohl hinter der Performance „Warten auf den Zug“ verbergen würde? Eine gewisse Spannung und Vorfreude breitet sich aus, gedämpfte Gespräche zwischen Galerist, Künstlern, Besuchern. Auf einem Tisch liegt das Kochbuch „Reisen & Speisen“ – der Anlass für die Vernissage. 15 Künstler haben es gestaltet, mit ihren Rezepten aus der Heimat oder mitgebracht von Reisen und in den familiären Speiseplan aufgenommen.
Dann steht eine junge Frau auf, setzt sich an den Flügel und will mit ein wenig Musik die Zeit verkürzen. Es ist Aglaja Sprengel, mancher kennt sie schon von anderen Veranstaltungen in der Kunsthalle Lausitz. Zum Ende der kleinen Session setzt sich Dieter Gebauer dazu und vierhändigt brechen sie die „Wartestarre“.

Aglaja Sprengel und Dieter Gebauer am Flügel. Video: Ingrid Hoberg

Aus der erwacht auch ein junger Mann, er zaubert ein paar Bälle hervor und plaudert munter drauf los. Der Cottbuser Alex Leymann hat kein Probelm, dabei weitere Bälle ins Spiel zu bringen. Fast nahtlos geht seine Performance in die von Inka Galaktika über, die Tanz- und Yogaelemente zu einem Gesamtbild zusammenfügt. Sie gibt einen kleinen Einblick in ihre bewegte Kunst, zu der bei anderer Gelegenheit auch Pferde, Zirkus, Feuer, Gesang und Percussion gehören. Sie kommt aus Neu-Seeland – das ist eine Gemeinde gleich um die Ecke, der Ort Greifenhain, in dem sie wohnt, gehört dazu. Für die Reisenden heißt es nun, das Lunchpaket aus dem „Prima Wetter“ in Empfang zu nehmen und sich zur gemeinsamen Bahnfahrt auf den Weg zu machen.

Alex Leymann brachte Bälle ins Warte-Spiel. Video: Ingrid Hoberg

Am Bahnsteig 5 steht schon der Regionalexpress in Richtung Berlin, der gerade erst wieder als durchgehender Zug in die Hauptstadt genutzt werden kann. Die Umsteigerei wegen der Bauarbeiten an der Strecke ist gerade beendet. Es herrscht Gedränge. Ob das daran liegt, dass es das letzte Wochenende ist, an dem das 9-Euro-Ticket genutzt werden kann? Jedenfalls machen sich die Kunstreisenden mit allen anderen in einem rappelvollen Zug pünktlich auf den Weg. Die Reise ist nur kurz, in Lübbenau ist Zwischenstopp. Auf dem Bahnsteig warten schon Queenie Nopper und Michael Hensel von der Lübbenaubrücke sowie Simone Kühn, Sabine Neupötsch und Robert Reiter vom Traditionsverein Rubiško als Empfangskomitee auf die aus Cottbus Angereisten – unter ihnen auch eine Familie aus Schwerin (Amt Schenkenländchen). Es gibt knackige Spreewaldgurken zur Begrüßung.

Durch den Tunnel, den die Arbeitsgemeinschaft Zeitgeschichte mit interessanten Tafeln zur Bahngeschichte gestaltet hat, geht es zum GLEIS 3. Dort erwartet die Besucher in der ehemaligen Schmiede des Bahnwerks nicht nur ein Imbiss mit der Spreewälder Käserolle nach einem Rezept von Martin Schulze aus dem Kochbuch „Reisen und Speisen“. Sie erfahren einiges zur Geschichte und zu den Angeboten des Hauses gleich neben der Bunten Bühne, dem Theater. Das GLEIS 3 ist das Kulturzentrum von Lübbenau – an der Schnittstelle von Altstadt und Neustadt – mit vielfältigen Angeboten für alle Generationen. Einiges können die Besucher gleich selbst ausprobieren – so das Gestalten von Ostereiern mit sorbischen/wendischen Motiven. Da sind nicht nur die Kinder gern dabei. Die Zeit vergeht wie im Fluge – und schon geht es durch den Tunnel, der Alt- und Neustadt verbindet, zurück auf den Bahnsteig und mit dem nächsten Zug nach Halbe.

Zünftiger Empfang: Halali von der Jagdhornbläsergruppe Rehberge. Video: I. Hoberg

Der Empfang dort ist zünftig – mit einem „Halali“! Die Jagdhornbläsergruppe Rehberge Berlin sorgt für die Einstimmung auf die Ausstellung „Jagdszenen neu interpretiert“, die Künstlerin und Kuratorin Susanne Thäsler-Wollenberg vorstellt. Viele zücken ihre Handys, um den musikalischen Vortrag einzufangen. An dem Kunstevent in der Esperanto-Stacio zum Thema Jagd haben sich Karen Ascher, Ulrike Bröcker, Susanne Göritz, Raimund Sotier und Susanne Thäsler-Wollenberg beteiligt. Außerdem werden Bahnplakate aus verschiedenen Epochen präsentiert. Wie an den beiden vorangegangen Stationen kommt das leibliche Wohl nicht zu kurz, diesmal ist es ein Kuchenbüfett. Wer nach dem Rundgang durch die Galerie noch den Kaiserbahnhof besuchen will, hat dazu Gelegenheit – und zu Gesprächen mit den Künstlerinnen und dem Künstler. Wer nicht mit dem eigenen Fahrzeug gekommen ist, nutzt noch einmal die Bahn zur Rückreise – diesmal nicht so proppenvoll wie auf der Hinfahrt.

Diese besondere Vernissage macht auf jeden Fall neugierig auf die Finissage am 8. Oktober. Dann geht es retour um 11 Uhr in Halbe (Esperanto-Stacio) mit Musik und Jagdgeschichten zum Frühstück. Mittags führt die Reise weiter nach Lübbenau. Dort werden im GLEIS 3 Hefeplinse nach traditionellem Rezept gebacken und sorbische Vokabeln weitergegeben. Dann führt die Reise nach Cottbus. In der Kunsthalle Lausitz wird es ein Ateliergespräch mit Künstlern geben – und den Ausklang im „Prima Wetter“ gleich gegenüber. Doch ehe es soweit ist, laden die Veranstalter am 24. September zum Besuch im essbaren Dorf Raddusch (bei Vetschau) ein. Und vielleicht sehen sich der eine oder die andere bei diesen Gelegenheiten wieder, um über Kunst und Kochen zu plaudern und so die Region noch besser kennenzulernen.

INFO

Der Großenhainer Bahnhof (1877 – 78 erbaut) steht an der Nordseite des Cottbuser Hauptbahnhofs (Güterzufuhrstraße) und wurde bis 1881/82 als Empfangsgebäude für die Bahnstrecke Cottbus-Großenhain genutzt, es wurde Verwaltungs- und Dienstgebäude der Deutschen Bahn und im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört. Ende der 1990er Jahre wurde das alte Empfangsgebäude saniert und umgebaut. Es befinden sich jetzt dort die Kunsthalle Lausitz (Galerie), Künstlerateliers und die Gründerwerkstatt Zukunft Lausitz.

Das GLEIS 3 in Lübbenau ist eine Insel der Kultur für Theater, Musik und Freizeit. Mit der Bunten Bühne, dem Kulturhof und der Lübbenaubrücke im Zusammenspiel gibt es vielfältige Angebote von Kunst, Kultur, Beratung und Bildung – für die Lübbenauer, aber auch Gäste der Spreewaldstadt.

Die Esperanto-Stacio (der Esperanto-Bahnhof) ist eine internationale Begegnungsstätte und ein Kulturknotenpunkt im Bahnhofsgebäude von Halbe. Veranstaltet werden Kurse, Workshops, Festivals, Ausstellungen. Der Bahnhof wurde 1865 als Teil der Eisenbahnlinie Berlin-Breslau in Preußen gebaut. Im Erdgeschoss gibt es drei Veranstaltungsräume, im Obergeschoss befinden sich Unterkünfte.


PreOpening – 17. Juni 2022: Fahrt im Kulturzug
von Halbe nach Wrocław

Es war eine einfache Frage, die eine verrückte Idee hervorbrachte: Warum hält der Kulturzug eigentlich nicht in Halbe?
Am 17. Juni hielt er in Halbe, und aus der verrückten Idee ist ein wunderbares Kunstwerk entstanden: ein Kunstwerk mit Begegnungen, Einsichten und Ausblicken: berührend, überraschend, erheiternd, ein Werk für alle Sinne.
„Regionen machen Europa“ lautete der Titel der Fahrt, und es ging – mit Brandenburgs Infrastrukturminister Guido Beermann und Maciej Zathey von polnischer Seite – ganz politisch um Verflechtungsräume: deutsch-polnische, aber auch die zwischen Stadt und Land. Es braucht ein inklusives Netz der Verbindungen, das alle Menschen mitnimmt, so das Fazit…
Wie Züge Verbindungen zwischen Regionen und Menschen herstellen, erzählte Jaroslav Rudiš mit „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“. Gut, dass die Politik die Eisenbahn wiederentdeckt, sagte er… Denn: Es sind die Eisenbahnstrecken, die Europa zusammenhalten!
Wie an Bahnhöfen im Speziellen und im Land Brandenburg im Allgemeinen Kultur gedeiht und sich vernetzt, erzählten die Gäste von Kulturland Brandenburg und HALBE WELT sowie der Amtsdirektor des Amtes Schenkenländchen: vielgestaltig und voller #Lebenkunst. Was Lebenskunst beiderseits der Oder-Neiße-Grenze ausmacht, brachten Kulturakteure mit Regionenkörbchen voller Kultur und Kulinarik dar, u. a. aus Żary, Żagań, Cottbus und dem Spreewald.
Diese wurden schließlich in einem Saal im Bahnhof Wrocław auf einer sommerlichen, nach ukrainischer Lebensart mit duftenden Kräutern und frischen Speisen gedeckten Tafel ausgepackt. Die ukrainische Künstlerin Viktoria Tofan vermittelte ukrainische Tafelzeremonien – just in dem Raum, in dem bis vor kurzem noch unfreiwillig Reisende aus der Ukraine aufgenommen wurden…
Was für eine Symbolik, was für Eindrücke! … Die Preview für unser #KulturlandBrandenburg -Projekt #ReisenundSpeisen bietet reichlich Stoff zum Nach- und Weiterdenken: genau das, was Kunst eben vermag!
(Und vielleicht doch bald einen festen Halt in Halbe?!)
Ganz herzliche Dankeschöns an Oliver Spatz, Ewa Wille, Kulturland Brandenburg, das MIL, DB-Regio und VBB Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg GmbH, an all die Körbchenbringer und Kulturakteure aus Żagań, Żary und Cottbus sowie aus der Tourist-Info Lübbenau, dem GLEIS 3 Kulturzentrum Lübbenau und der Kunsthalle Lausitz sowie an Karen Ascher, Susanne Thäsler-Wollenberg und Sabrina Kuschy vom Landkreis Dahme-Spreewald!


Orte:
Bahnhofsensemble Halbe, Kulturzentrum Gleis 3 Lübbenau, Großenhainer Bahnhof Cottbus, Essbares Dorf Raddusch, Kulturzug Berlin-Breslau

Partner:
Halbe.Welt e.V., Esperanto-Stacio, Kaiserbahnhof Halbe, LübbenauBrücke, Kunsthalle Lausitz, Prima Wetter, SpreeAkademie, Kaiserliche Postagentur Raddusch, Kulturzug Berlin-Breslau



Ein Projekt im Rahmen des Themenjahres
»Lebenskunst – Kulturland Brandenburg 2022«

Kulturland Brandenburg 2022 wird gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, das Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung sowie das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz des Landes Brandenburg.

Mit freundlicher Unterstützung der brandenburgischen Sparkassen.

Mit freundlicher Unterstützung der Investitionsbank des Landes Brandenburg.

Gefördert vom Landkreis Dahme-Spreewald

Mit freundlicher Unterstützung durch die Mittelbrandenburgische Sparkasse